Der tantrische Weg des Vajrayana nutzt die Energien von Gier, Aggression, Obsession, Paranoia und Gleichgültigkeit, um dualistische Verwirrung in die fünf nichtdualen Weisheiten zu transformieren.

Tantra ist radikal positiver Wahnsinn – das heiß fließende Blut der Gutherzigkeit. Es beschwört die Elektrizität des Seins: die schimmernde Spannung, die ekstatisch zwischen Leerheit und Form knistert. Tantra ist die Alchemie der Transformation, durch die man grenzenlos neu hervorgeht, entsprechend der kaleidoskopartigen Momente der Erfahrung, die aus dem Raum entstehen.

Tantra ist der kurze Pfad – die direkte Linie zum Gipfel. Bergsteiger auf längeren Wegen umkreisen den Gipfel und tragen die Sicherheitsausrüstung festgeschriebener Philosophie und Ethik. Tantrikas erklimmen die Steilwand ohne Sauerstoff. Sie steigen nackt herauf. Auf dem Gipfel finden sie Befreiung: Freiheit von der Herrschaft konflikthafter Emotionen, gesellschaftlicher Konditionierung, vorgeschriebener Rollen und eingeengter Erwartungen.

Tantra, wie es in der Aro gTér-Tradition praktiziert wird

Das Aro gTér ist eine nicht-zölibatäre, nicht-monastische, auf Ordination gründende Tradition. Üblicherweise wird Tantra überwiegend denjenigen gelehrt, die den Großteil ihrer Zeit formeller religiöser Praxis widmen können. Dies kann Jahre theoretischen Studiums als Vorbereitung erfordern, worauf aufwendige rituelle Praxis folgt. Diese Rituale bestehen vorwiegend aus dem Rezitieren von Texten. Das ist wirksam – aber nicht immer zugänglich für Menschen mit Familien und beruflicher Verantwortung.

Vajrayana, wie es ursprünglich in Indien praktiziert wurde, wurde von Menschen aus allen Lebensbereichen ausgeübt: Bauern, Prostituierten, Königen, Bettlern, Kaufleuten, Musikern, Hausfrauen und Unternehmern. Ihre Methoden der Praxis waren vielfältig und auf ihre jeweiligen Lebensumstände zugeschnitten. Diese Tradition wurde von einer Minderheit von Tantrikas in Tibet bewahrt. Das Aro gTér ist eine Linie in dieser Tradition.

Tantra im Aro gTér ist essenziell, weil es traditionell aus der Perspektive des Dzogchen gelehrt wird. Das bedeutet, dass es weniger komplex ist, als es gemeinhin gelehrt wird.